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In Your Face Friday - Die hohe Kunst des Müßigganges

karlstiefel 06.04.2012 24079 13
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Internet: mobil. SMS, E-Mail, Skype. Facebook. Unser Leben wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer schneller. Das ist natürlich toll, da wir durch den Einsatz von Technologie Zeit sparen können. Nun stellt sich allerdings die Frage: Was fangen wir mit dieser Zeit an? Die Antwort lautet leider viel zu oft "Mehr!". Mehr Arbeit, mehr Meetings, mehr Einkaufen, mehr Stress. Dabei geht es doch viel besser, wenn man die Dinge einfach locker angeht.

Beginnen wir mit einer kurzen Anekdote aus dem Leben von karlstiefel. Es war Juni oder Juli 2011, ich weiß es nicht mehr so genau. Ich wurde von meinem damaligen Arbeitgeber, einem Spiele-Magazin, nach Hamburg geschickt, um mir eine frühe Version des Spieles Cursed Crusade anzusehen. Natürlich wird bei einem solchen Presse-Trip auf die Kosten geachtet - daher flog ich nicht erster Klasse und war mit dem günstigeren Flug zwei Stunden vor dem vereinbarten Termin in der Hansestadt. Dank der guten Verkehrsanbindung war ich schon eine halbe Stunde später an der richtigen Adresse - und viel zu früh dran. Satte eineinhalb Stunden hatte ich noch, bis ich meiner Arbeit wieder nachgehen konnte. Was sollte ich also tun?
Als ich mich umsah, einen hübsch umgrünten Kanal erblickte und die Sommersonne ihre Wärme an mein Gesicht spendete wurde es mir klar, was ich zu tun hatte: Nichts. Es war einfach der richtige Zeitpunkt, mir im nahegelegenen Supermarkt eine Club Mate zu holen, mich an den erwähnten Kanal zu setzen und jenseits von Arbeit- und Reise-Stress einfach den Vögeln beim Singen zuzuhören. Einfach entspannen - die gewonnene Zeit nicht mit mehr Terminen vollstopfen, sondern den herrlich warmen Tag genießen.
Den Rest des Tages verbrachte ich mit dem (leider mittelmäßigen) Spiel, einem ausführlichen Entwickler-Interview und der zügigen Heimreise. Dank den 90 Minuten Kopfurlaub war ich voller Energie und Enthusiasmus. Der Artikel über Cursed Crusade war fertig geschrieben, bevor das Flugzeug in Wien zur Landung ansetzte.

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... und es war ein guter Tag.


Warum erzähle ich euch das? Weil mir diese Reise die geistige Entschleunigung näher brachte. Einfach einen Gang zurückschalten und die aktuelle Situation ganz unverkrampft genießen. Schlicht und ergreifend "Nein" zu all den Arbeitsmöglichkeiten, Handy-Games und unbeantworteten E-Mails sagen. Denn Stress hat heute eine andere Form als in der Vergangenheit. Concorde-Flugzeuge gibt es nicht mehr, weil sie unnötig geworden sind. Es macht keinen Sinn mehr, mit Überschallgeschwindigkeit zu einer Vertragsunterzeichnung zu fliegen - dank dem Internet kann man Geschäfte nun auch digital abwickeln. Jeder Sportauto-Enthusiast kann bestätigen, dass wir seit den 70ern Motorenstärke gegen Bordcomputer getauscht haben. Wir müssen nicht mehr physikalisch schnell sein, wenn wir digital wesentlich schneller sein können. Und wie viele Dinge hat sich auch der Stress digitalisiert. Das ist jetzt nicht unbedingt etwas Schlechts - viel mehr ist der Umstand auf das enorm gewachsene Angebot zurückzuführen. Aber eben dieses Angebot hat das Potential, uns zu überfordern.

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Bis 2003 flog die Concorde mit Mach 2,02 - heute werden solche schnellen Flugzeuge nicht mehr gebraucht.


Mich wundert es immer wieder, wie sehr wir uns von unserer eigenen Liebe zur Technologie schon fast terrorisieren lassen. Da bin ich ja keine Ausnahme! Ein kurzer Blick auf die System-Informationen meines Handys sagen mir, dass ich es seit 621 Stunden nicht mehr abgeschaltet habe - das sind 25 Tage und ich werde in absehbarer Zukunft auch nicht den Aus-Knopf betätigen. In diesem knappen Monat habe ich gearbeitet, geschlafen, war im Kino, habe gegessen und gezockt. Bei keiner dieser Tätigkeiten war ich tatsächlich "nicht erreichbar". Das ist natürlich praktisch, zumal habe ich mir das Smartphone eben aus diesem Grund gekauft. Egal ob E-Mail, Skype oder SMS, ich habe keine Nachricht verpasst. So grandios das ist - man sollte auch Zeit für sich selbst aufbringen. In diesen ruhigen Momenten kann man sich von der Muse küssen lassen und auf die Umgebung jenseits von Bildschirmen achten. Weil so genial und praktisch unser Umgang mit Technologie ist - die schönsten Bilder haben eben doch keine Dateiendung.

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